



Artikel über James Francis Millar beginnen gewöhnlich mit der Aussage „Alter sei nicht wichtig wenn es darum geht, ein guter Modedesigner zu sein”. Das ist schmeichelhaft gemeint. Doch ich meine, diese Aussage ist etwas schnellfertig und oberflächlich getroffen und bezieht sich einzig auf den Aspekt des Talentes. Gesetz dem Falle, man hat es mit einem 25-jährigen Ausnahmetalent wie Millar zu tun, spielt Alter meines Erachtens jedoch eine überaus große Rolle.
Betrachtet man die beiden Models, die Millars ausgelassene Kollektion präsentieren, in heiterer und unbeschwerter Selbstverständlichkeit sowohl im die oversized Strickpullover, als auch ins transparente Hemd und Pailettenkleid passen, so wird deutlich, für wen die Kollektion gemacht wurde.
Der ideale Träger James Francis Millar´s Mode ist Teil jener Generation in der Geschlechterrollen verschwimmen, in der alles möglich und noch viel mehr erlaubt ist. Eine Generation, die mit der Muttermilch jene Sorglosigkeit aufgesogen hat, die gebildeten Mittelschichtkindern so lange eigen ist, bis sie in das verbindliche Erwachsenenstadium eintreten. Eine Generation, deren Jugendlichkeit weit ins vierte Lebensjahrzehnt reicht und deren hedonistische Liebe zum Exzess ebenso präsent ist wie die Freude an Selbstinszenierung und -darstellung.


Der in London lebende Central Saint Martin Absolvent James Francis Millar ist mit 25 Jahren ganz selbstverständlich Teil jener Generation junger Erwachsener, die unabhängig und selbständig Lebens- und Ausdrucksformen im urbanen Leben suchen und finden. Wie sonst lässt sich erklären, dass der junge Designer modische Tendenzen aus dem Milieu der Clubkultur so selbstverständlich unangestrengt aufgreifen und überspitzen kann. Die ausgelassene Überschwänglichkeit seiner Kollektion, die scheinbar mühelos pulsierende Prints mit traditionellem Strick verbindet, in der traditionelle und unkonventionelle Materialien eine raffinierte und zugleich optimistisch naive Mischung ergeben, kann nur in dieser Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit entstehen wenn man selbst diese generationsspeziefischen Attitüden kennt und lebt.


James Francis Millar ist mit seinen 25 Jahren ein herausragender Modedesigner, der nicht nur scheinbar intuitiv Elemente moderner Clubkultur mit der Rock Glam der siebziger verknüpft sondern ein Designer, der den Bogen noch weiter spannt: die frühen Achtziger und die Art Deco Ära der Zwanziger, die Arbeiten der Künstler Jean Paul-Goude und Janine Janet zählen u. a. zu Millars Inspirationsquellen und werden in Millars eigenwilligen Kleidungsstücken zusammengeführt.



James Francis Millar ist für mich ein Ausnahmetalent und ich stimme der Aussage „Alter ist nicht wichtig wenn es darum geht, ein guter Modedesigner zu sein” zu, ergänze diese jedoch um: „Manchmal ist ein bestimmtes Alter wichtig um auf ungekünstelte und authentische Weise Mode zu entwerfen, die die Grund-Attitüde einer Generation wiederspiegelt”.
Ich ziehe den Hut vor ihnen, Herr Millar.


Photos via: James Francis Millar